Neuroplastizität und Epigenetik

Besteht die Möglichkeit, Einfluss auf unsere Gehirnstrukturen und unsere Gene zu nehmen?

Wenn wir den Wunsch haben, in unserem Leben neue Wege zu gehen und alte leidige Verhaltensweisen aufzugeben, dann stellt sich die Frage, inwieweit uns das als Erwachsene noch möglich ist. Wissen wir doch, dass die neuronalen Pfade im Gehirn durch beständiges Nutzen der immer gleichen Muster mehr und mehr ausgetreten und automatisch bevorzugt werden. 

Wie können sich Traumata auflösen, die neurophysiologisch im Nervensystem gespeichert sind und durch die sich womöglich sogar Hirnstrukturen verändert haben? 

Forschungsergebnisse zur Epigenetik und zur Neuroplastizität geben Anlass zur Hoffnung, dass sich durch bewusstes Üben und mentales Training kortikale Strukturen auch im erwachsenen Alter noch verändern können.

 

Welchen wissenschaftlichen Ansatz hat die Epigenetik?

 

Dieses Forschungsgebiet untersucht die Aktivität und Veränderungen der Genfunktionen.

Untersuchungen haben ergeben, dass Genabschnitte durch äußere Faktoren aktiviert oder abgeschaltet werden können.

Die Nobelpreisträgerin Dr. Elizabeth Blackburn und ihre Kollegin Dr. Elissa Epel haben heraus gefunden, dass durch chronischen Stress die Gefahr besteht, dass die Telomere

(die Schutzkappen an den Enden der Chromosomen) kürzer werden. Dies lässt uns biologisch schneller altern. 

Wodurch können wir unsere Telomere positiv beeinflussen?

Die Wissenschaftler*innen konnten den Nachweis erbringen, dass eine gesunde Lebensweise einen positiven Einfluss auf unsere Gene hat. Die Telomere können dadurch geschützt und wieder länger werden, wodurch sich ein Verjüngungseffekt einstellt.

Unsere mentalen Zustände, unsere Einstellungen kommunizieren mit den Zellen. Wir können durch unseren Lebensstil beeinflussen, wieviele freie Radikale in unserem Körper unterwegs sind. 

Auch das Level an oxidativem Stress und Entzündungen hängt davon ab. Unsere Zellen spüren die Sicherheit oder den Stress in der Umgebung und reagieren darauf durch die Ausschüttung bestimmter chemischer Botenstoffe. 

Diese Chemikalien stärken oder schwächen die Telomere.

Welche konkreten Auswirkungen hat unser Lebensstil auf unsere Gene?

 

Guter Schlaf, gesundes Essen und soziale Beziehungen sind Resilienz-Faktoren. Sie lassen uns durch stressvolle Situationen gehen und trotzdem bleiben die Teleomere stabil und werden nicht kürzer. Ein gesunder Lebensstil funktioniert hier wie ein Puffer.  Durch die Bildung einer homöostatischen Kapazität entstehen "Muskeln der Resilienz". Wir können uns nach einer Aufregung schneller wieder entspannen. 

Dadurch sind wir auch in der Lage, unserem Alterungsprozess entgegenzuwirken.

Hat unser Gehirn die Fähigkeit sich strukturell zu verändern?

 

Eine wesentliche Grundlage für Veränderungsprozesse stellt auch die Neuroplastizität dar, die lebenslange Fähigkeit unseres Gehirns, sich neu zu vernetzen. Seit den 1980er Jahren wissen wir, dass sich das ganze Leben über neue Nervenzellen und Synapsen entwickeln können. Diese neuronale Plastizität ermöglicht uns durch die strukturelle Veränderung neuronaler Netzwerke ein lebenslanges Lernen.

 

Können wir die neuronale Plastizität beeinflussen?

 

Wir sind in der Lage, diesen Prozess durch eine „selbstgesteuerte Neuroplastizität“

zu befördern. Der Neuropsychologe Rick Hanson spricht von einem resilienten Gehirn, das wir durch entsprechende Übungen trainieren können.

"The more we feel a useful thought, idea or intention in our bodies, the more is going to sink in."

Dr. Rick Hanson, Neurowissenschaftler

 

Je intensiver wir einen nützlichen Gedanken, eine Idee oder eine Absicht in unserem Körper spüren, desto mehr wird sie sich darin festsetzen. Auf diese Weise können auch leidvolle emotionale und physiologische Prägungen durch neue, positivere Verschaltungen ersetzt werden.

Welche Bedeutung hat dabei die körperorientierte Therapie?

Bei diesem Prozess der Neuverschaltung spielt der sensomotorische Zugang über den Körper eine entscheidende Rolle. Wir müssen die Veränderungen, die wir herbeiführen wollen, tatsächlich mit all unseren Sinnen anregen und körperbasiert einüben.

Dadurch stellen wir die Weichen in Richtung körperlicher Gesundheit und können auch unser emotionales Immunsystem stärken.

 

"Wenn wir uns sicher und geliebt fühlen, verändern wir die Chemie unserer Zellen - so dass wir das Wachstum und die Wiederherstellung unserer Zellen unterstützen können."

Prof. Dr. Elissa Epel, amerikanische Psychologin