Polyvagaltheorie

Welchen Behandlungsansatz hat die Polyvagaltheorie?

 

Autonomes Nervensystem

Die Theorien von Prof. Dr. Stephen Porges finden seit einigen Jahren vermehrt Beachtung in psychotherapeutischen Kreisen und das obwohl dieser Ansatz wissenschaftlich durchaus umstritten ist.

Kritiker werfen der Polyvagaltheorie vor, dass es ihr an fundierten wissenschaftlichen Beweisen fehle. Interessant sind die Ansätze in jedem Fall und sie bieten eine neue, diskussionswürdige Sichtweise auf die Funktionen des autonomen, vegetativen Nervensystems.

Der amerikanische Neurowissenschaftler Stephen Porges geht davon aus, dass dieses System nicht nur die inneren Organe reguliert, sondern durch eine größere Differenzierung komplexere Aufgaben erfüllt, als bisher angenommen.

Seine Polyvagaltheorie widmet sich den Zusammenhängen zwischen den autonomen Funktionskreisläufen und unseren Emotionen, die wiederum unser Verhalten steuern.

Parasympathikus und Vagusnerv

Der Vagus ist ein Hirnnerv, der vom Hirnstamm bis in den Bauchraum reicht und viele der inneren Organe steuert. Da er so weit verzweigt ist und durch den Körper wandert, wurde er Vagus, der Vagabund, genannt. Bisher war man davon ausgegangen, dass der Parasympathikus, als Gegenspieler des Sympathikus, nur aus einem Vagusnerv besteht.

Stephen Porges hat 1992 die These aufgestellt, dass zwei davon existieren, ein dorsaler (hinterer) und ein ventraler (vorderer) Vagusnerv, dazu noch zwei Hybridkreisläufe.

Die Polyvagaltheorie richtet den Fokus darauf, auf welchem phylogenetisch-hierarchischen Weg sich Körper und Gehirn gegenseitig beeinflussen.

Unser Gehirn besteht entwicklungsgeschichtlich aus drei Gehirnen:

  • dem Stammhirn (Reptiliengehirn, das zuständig für basale Körperfunktionen ist wie Atmen, Essen, Schlafen, Fortpflanzung)

  • dem limbischen System (Säugetiergehirn, dem Sitz der Emotionen)

  • dem präfrontalen Kortex (unserem menschlichem Gehirn, zuständig für Planung, Empathie und Vorausschauen)

Dorsaler Vagus

Der dorsale Vagus ist entwicklungsgeschichtlich früher entstanden und wird auch unserem Reptiliengehirn zugerechnet.

Er wacht über unsere primitiven Überlebensstrategien und ist verantwortlich für die Immobilation, den Erstarrungsmodus.

Der dorsale Vagus aktiviert den Reflex, sich zu verstecken oder sich tot zu stellen. Wenn wir große Angst haben, drosselt er die Verdauung und die Stoffwechseltätigkeit. 

Es gibt Hinweise, dass es einen Zusammenhang zwischen einem aktivierten dorsalen Vagus und Depressionen gibt. 

Auch Verdauungsbeschwerden könnten dadurch entstehen, dass der dorsale, hintere Vagus im Erstarrungsmodus ist und somit auch die metabolischen Funktionen herunter regelt.

Ventraler Vagus

Der ventrale Vagus hat sich später entwickelt und gehört zum limbischen Gehirn, dem Säugetiergehirn.

Er unterstützt unsere Fähigkeit zur Kommunikation und zum sozialen Miteinander.

Wurde der Sympathikus, der Kampf- und Flucht Modus, aktiviert, so ist es die Aufgabe des ventralen Vagus, Aggression und Anspannung abzubauen.

Dadurch stellt sich das autonome Nervensystem wieder auf einen angstfreien Austausch ein. 

Außerdem reguliert der ventrale Vagus unser Herz. Durch einen verlangsamten Herzschlag

fühlen wir uns ruhiger und entspannter und sind auch zugänglicher für den zwischenmenschlichen Kontakt. 

"The body needs to co-regulate behavioral states through engagements with others."

Stephen Porges geht davon aus, dass unser Körper die Verbindung zu anderen Menschen braucht, um optimal seine Verhaltenszustände zu regulieren. Als Säugetiere sind wir demnach von Geburt an auf diese Koregulation angewiesen. 

Welche Ansätze liefert die Polyvagaltheorie im Hinblick auf die Traumatherapie?

Die Polyvagal-Theorie wird von manchen Trauma-Therapeuten herangezogen, um zu einer neuen Sichtweise auf Entwicklungstraumata zu gelangen. Demnach gibt es die Anschauung, dass bei Traumata in der frühen Kindheit die primitiveren Schutzstrategien vorherrschen könnten. Um eine überfordernde Situation zu bewältigen, würde es zur Immobilisation, zur Erstarrung und zum Rückzug kommen.  

Durch diesen Shutdown könnte sich der ventrale Vagus nicht so gut entwickeln. 

Die soziale Kompetenz und das Vermögen mit anderen zu kommunizieren, wäre dementsprechend auch in späteren Jahren noch maßgeblich beeinträchtigt.

In der Therapie müsste man dann durch die Aktivierung des ventralen Vagus das Nachreifen von sozialer Zugewandtheit ermöglichen. 

Der ventrale Vagusnerv innerviert auch bestimmte Gesichtsnerven und das Herz. Stephen Porges hat beobachtet, auf welche Art und Weise das Gesicht den polyvagalen Zustand widerspiegelt. Dabei kam er zu der Erkenntnis: 

 "Unser Herz wird in unsere Stimme hinein projiziert und von unserem Gesicht ausgedrückt." 

Neurozeption:

Von Stephen Porges stammt der Begriff „Neurozeption“. Darunter ist zu verstehen, dass unser autonomes Nervensystem unbewusst evaluiert, ob eine Umgebung sicher oder bedrohlich für uns ist. Das bedeutet, wir reagieren auf etwas und uns ist gar nicht bewusst, wieso wir das tun und welche Hinweisreize es gab, die unsere Physiologie getriggert haben.

 

Was könnten die Ansätze der Polyvagal-Theorie für die Körperpsychotherapie bedeuten?

​Es gilt - bei allen wissenschaftlichen Vorbehalten dieser Theorie gegenüber - einen verbesserten Zugang zu unserem autonomen Nervensystem zu finden. Reden allein reicht nicht, um tiefgreifende Genesungsprozesse gerade bei traumatisierten Menschen anzuregen.

Wir können unserem Stammhirn demzufolge immer wieder mit unserem Neokortex erklären, dass eine Gefahr vorbei ist, es wird nicht daran glauben. Denn dieser älteste Teil unseres Gehirns spricht eine andere Sprache - eine basale Körpersprache.

Mit einfachen Worten: Wir verhalten uns möglicherweise mitunter unbewusst wie ein Reptil. 

Die Ausdrucksweise des Stammhirns zu verstehen und Wege zu finden, mit ihm in Kontakt zu treten, ist nach Ansicht der Vertreter der Polyvagaltheorie entscheidend für das Gelingen einer somatischen Psychotherapie.

Dabei gilt auch zu beachten, dass 80% der Vagusfasern afferent von unseren Organen hoch zum Gehirn verlaufen. Unsere kortikalen Strukturen werden viel mehr von unseren unbewussten Körperempfindungen beeinflusst, als wir bisher landläufig annahmen. Deshalb ist es eine spannende Frage, inwieweit unser Bauch unser Gehirn steuert.

Wie lässt sich die Polyvagal-Theorie in der Körpertherapie anwenden? 

In der therapeutischen Arbeit könnte mehr Beachtung finden, die harmonische Interaktion zwischen unseren drei Gehirnen anzuregen.

Durch Atemtechniken und spezielle Körperübungen gäbe es so verstärkt die Möglichkeit, den Sympathikus, den Parasympathikus und seine Vagusstränge zu beeinflussen.

  • Es ginge dann darum, aus dem Hyperarousal (Übererregung) eines überaktiven Sympathikus herauszukommen und den Flucht- und Kampf Modus - der damit einhergeht - zu beenden.

  • Wichtig wäre ebenso, das Hypoarousal (Untererregung) des dorsalen Vagus aufzulösen, aus der Erstarrung und dem Totstellreflex herauszufinden und sich wieder in die Bewegung zu begeben.

  • Erst durch die Aktivierung des ventralen Vagusnervs (Social Engagement System) gelangen wir demnach zu einer lebendigen und präsenten Verbundenheit mit uns und unseren Mitmenschen. Aufgabe der Therapie wäre also, Methoden zu entwickeln, um den ventralen Vagusnervs anzuregen.

 

Was lässt sich zusammenfassend sagen?

Stephen Porges Polyvagaltheorie ist ein interessanter Denkansatz, um den Zusammenhang zwischen Körper und Geist mehr Beachtung zu schenken. Sein Modell bedarf aber einer weiterführenden, wissenschaftlich fundierten Forschung.

 

Nach Stephen Porges Theorie ist Regeneration dann möglich, wenn das Stammhirn uns durch die Neurozeption signalisiert, dass wir uns entspannen können, wenn der dorsale Vagus aktiv ist, ohne dass wir in Angst erstarrt sind. 

Wenn uns gelingt, diesen Zustand der Geborgenheit herzustellen, dann können wir gut schlafen, mit Appetit essen, Lust am Leben empfinden, Verbundenheit mit anderen Menschen und der Erde spüren.

​„Wenn wir in Sicherheit sind, uns sicher fühlen, dann stellen sich die Strukturen auf Gesundheit, Wachstum und Wiederherstellung ein und sind offen für Berührungen.“

Stephen Porges, Neurowissenschaftler

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